Malala Yousafzai
Rede vor der UNO-Jugendversammlung, 2013

Der Kontext:

Schon seit sie elf war, seit jenem Tag im Jahr 2008, an dem Taliban die Mädchenschule ihres Ortes schlossen, setzte sich die junge Pakistanerin Malala Yousafzai für das Recht von Mädchen auf Bildung ein. Im Oktober 2012 wurde sie von Taliban-Terroristen deswegen angeschossen und schwer verletzt. Doch ihr Engagement setzte sie unerschrocken fort. Am 12. Juli 2013, ihrem 16. Geburtstag, durfte die inzwischen weltbekannte Aktivistin Malala eine Rede vor der UNO-Jugendversammlung halten. In voller Länge und im englischen Original ist diese Rede hier zu sehen; nachfolgend ins Deutsche übersetzte Auszüge:

Der O-Ton:

„Liebe Freunde, am 9. Oktober 2012 haben die Taliban auf mich geschossen und meine linke Stirn getroffen. Auch auf meine Freunde haben sie geschossen. Sie haben gedacht, dass die Kugeln uns zum Schweigen bringen würden, aber sie sind gescheitert. Denn aus der Stille kamen tausende Stimmen. Die Terroristen dachten, sie könnten meine Ziele verändern und meinen Ehrgeiz stoppen. Aber in meinem Leben hat sich nichts verändert mit einer Ausnahme: Schwäche, Angst und Hoffnungslosigkeit sind verschwunden, Stärke, Kraft und Mut sind geboren. Ich bin dieselbe Malala. Meine Absichten sind dieselben. Meine Hoffnungen sind dieselben. Und meine Träume sind dieselben. (…)

Liebe Schwestern und Brüder, wir erkennen die Bedeutung von Licht, wenn wir Dunkelheit sehen. Wir erkennen die Bedeutung unserer Stimme, wenn wir zum Schweigen gebracht werden. Und genau so haben wir in Swad in Nordpakistan, die Bedeutung von Stiften und Büchern erkannt, als wir die Waffen sahen. Die Stimme, die sprach: ‚Der Stift ist mächtiger als das Schwert‘. Es ist wahr. Die Extremisten hatten und haben Angst vor Büchern und Stiften. Die Macht der Bildung erschreckt sie. Sie haben Angst vor Frauen. Die Macht der Stimme von Frauen erschreckt sie.

Und darum haben sie vor kurzem in Quetta 14 unschuldige Studentinnen attackiert. Und darum haben sie Lehrerinnen und Polio-Helferinnen in Kandar getötet. Und darum zerstören sie täglich Schulen, weil sie Angst haben vor dem Wandel und vor der Gleichberechtigung, die wir unserer Gesellschaft bringen wollen.

Liebe Gefährten, heute konzentriere ich mich auf Frauenrechte und das Recht auf Bildung für Mädchen, weil sie am meisten leiden. Es gab eine Zeit, in der gesellschaftliche Aktivistinnen Männer gebeten haben, für ihre Rechte einzutreten, aber diesmal werden wir das selbst tun. Damit will ich nicht sagen, dass Männer sich nicht weiterhin für Frauenrechte einsetzen sollen, vielmehr möchte ich hervorheben, dass Frauen unabhängig sein und für sich selbst kämpfen sollen.

Also, liebe Schwestern und Brüder, es ist an der Zeit eure Meinung zu sagen. Wir rufen heute die Führer der Welt auf, ihre strategischen Grundsätze zugunsten von Frieden und Wohlstand zu ändern. Wir rufen die führenden Politiker der Welt auf, dass alle Abkommen die Rechte von Frauen und Kindern schützen müssen. Ein Abkommen, das gegen die Rechte von Frauen geht, ist unannehmbar. Wir rufen alle Regierungen auf, Schulpflicht auf der ganzen Welt für alle Kinder zu gewährleisten. (…)

Also lasst uns einen weltweiten Kampf wagen, gegen Analphabetismus, Armut und Terrorismus, lasst uns unsere Bücher und Stifte holen, sie sind unsere stärksten Waffen. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern. Bildung ist die einzige Lösung. Bildung zuerst. Vielen Dank!“

Die Analyse:

Man muss bei dieser Rede ganz bewusst die Faktoren „junges Mädchen, Gewaltopfer, politisch korrekt“ ausklammern, wenn man untersucht, warum Malala Yousafzai am Ende von den Delegierten „stehende Ovationen“ (UNO-Sitzungsprotokoll) erhielt. Denn jene Anteile daran, die auf Mitgefühl oder eine zum liberalen Trend globaler Eliten passende politische Haltung zurückgehen, lenken von der rhetorischen Leistung nur ab.

Viel mehr nämlich sind es die anrührenden Sprachbilder, die diese Rede so bedeutend machen: „Sie haben gedacht, dass die Kugeln uns zum Schweigen bringen würden, aber sie sind gescheitert. Denn aus der Stille kamen tausend Stimmen.“ Das ist großartig, evokativ, plastisch. Man spürt hier, wie sich die Kraft des „Opfers“ durch das Verbrechen an ihm unverhofft vertausendfacht. Dass die Rednerin das niederländische Sprichwort „Der Stift ist mächtiger als das Schwert“ zunächst zitiert und es dann, am Ende Ihrer Rede, abwandelt in „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern“ gibt ihrem Anliegen zusätzliche Brennkraft.

Mit unwiderstehlicher – vermeintlicher – Naivität schildert die Rednerin die brutalen Täter als in Wahrheit schwach und angstvoll, die (überlebenden) Opfer hingegen als stark und zukunftsfähig. Mit diesem klassischen Stilmittel der Erhöhung der Niedrigen und Erniedrigung der Hoheiten paraphrasiert Malala große Reden ihrer Vorbilder Gandhi, Badshah Khan und Mutter Theresa, die wiederum alle auf die Rhetorik von Religionsstiftern wie Jesus von Nazareth in seiner Bergpredigt zurückgehen.

Und nicht zuletzt geht eine (früh-)reife feministische Überzeugungskraft von dieser Rede aus. Dabei wird das „Ich“ bei Malala Yousafzai ganz systematisch zum „Wir“: „Es gab eine Zeit, in der gesellschaftliche Aktivistinnen Männer gebeten haben, für ihre Rechte einzutreten, aber diesmal werden wir das selbst tun.“ Hier nun kann der Status der minderjährigen Rednerin aus einem islamischen Land nicht länger ignoriert werden, wenn es um die rhetorische Analyse geht. Christine Brückners „ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ kommen in den Sinn – nur dass sie hier einmal doch gehalten wurden: vor der UNO, dem größtmöglichen und aufmerksamkeitsstärksten Forum, das sich denken lässt.

Und das von einem 16-jährigen Mädchen aus Pakistan. In seltenen Momenten passt einfach alles, Rhetorik, Redner und Resonanzraum, perfekt zusammen.