Diesmal: Willy Brandt

Regierungserklärung 1969

Der Kontext:

Als erster Sozialdemokrat in der Geschichte der Bundesrepublik wird 1969 Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt. Vor dem Deutschen Bundestag in Bonn gibt er am 28. Oktober seine Regierungserklärung ab. Nachdem Brandt die Kontinuität der seit 20 Jahren erfolgreichen Demokratie beschworen hat, kommt er auf die aus seiner Sicht notwendige gesellschaftliche Erneuerung zu sprechen. Ein Satz aus diesem Teil der Rede (Audio) wird bis heute viel zitiert.

Der O-Ton:

„Unser Volk braucht wie jedes andere seine innere Ordnung. In den 70er Jahren werden wir aber in diesem Lande nur so viel Ordnung haben, wie wir an Mitverantwortung ermutigen. Solche demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen.

Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, daß nicht nur durch Anhörungen im Bundestag, sondern auch durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.

Wir wenden uns an die im Frieden nachgewachsenen Generationen, die nicht mit den Hypotheken der Älteren belastet sind und belastet werden dürfen; jene jungen Menschen, die uns beim Wort nehmen wollen – und sollen. Diese jungen Menschen müssen aber verstehen, daß auch sie gegenüber Staat und Gesellschaft Verpflichtungen haben.

Wir werden dem Hohen Hause ein Gesetz unterbreiten, wodurch das aktive Wahlalter von 21 auf 18, das passive von 25 auf 21 Jahre herabgesetzt wird.

Wir werden auch die Volljährigkeitsgrenze überprüfen.

Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein. Wir können nicht die perfekte Demokratie schaffen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert. Diese Regierung sucht das Gespräch, sie sucht kritische Partnerschaft mit allen, die Verantwortung tragen, sei es in den Kirchen, der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft oder in anderen Bereichen der Gesellschaft.“

Die Analyse:

Wer nur die gedruckten Sätze liest, dem erschließt sich nicht ohne weiteres, warum der Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ so berühmt wurde. Er hat nicht einmal ein Ausrufezeichen und wird von Brandt auch nicht gerufen, sondern nur mit Bedacht und allem Nachdruck gesagt. Es gibt keine dramatische Pause und keinen Szenenapplaus nach diesem Satz. Und doch zitieren ihn bis heute politische Redner; der Satz ging als Phrase in den deutschen Sprachschatz ein – in der Rhetorik der ultimative Ritterschlag.

Zunächst einmal liegt die Sprengkraft in der damaligen Unerhörtheit des Gedankens. 1969 rebellierte die APO gegen die verkrusteten Strukturen, die Abschottung und das beredte Schweigen der deutschen Machtelite. Hier stand nun der höchste Exponent dieser Elite und billigte ausdrücklich sogar der kritischen Jugend Mitsprache zu. Das hatte es noch nicht gegeben.

Der ominöse Satz hat auch deswegen solch eine Energie, weil er so schlicht ist. Fünf Wörter, kein Nebensatz – ganz anders als viele der ihn umgebenden Sätze, die fast bürokratisch verschlungen sind. Wenn dies beabsichtigt war, dann war es ein grandioser rhetorischer Trick: Zwischen all den komplexen Zusammenhängen eine Perle der Einfachheit, ein Anker, um nicht fortgespült zu werden von „Wenns“ und „Abers“.

Und nicht zuletzt ist es natürlich das dreifache „W“, das im Gedächtnis haften bleibt: Wir Wollen Wagen. Die Alliteration ist wie der Zucker, der die Medizin „mehr Demokratie“ versüßt. Ein Rezept, das nicht einmal als Verordnung daherkommt, nicht als moralischer Imperativ, nicht als Zumutung. Nein, ganz banal, eine Tatsachenbehauptung wie der Wetterbericht: So ist das nun, stellt euch einfach darauf ein.

Seither weiß das Land: Große Worte müssen durchaus nicht großspurig daherkommen.